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RSS lebt — und gewinnt 2026 langsam wieder Boden

Acht Jahre nach dem letzten kollektiven Nachruf auf RSS ist die Lage 2026 erstaunlich solide. FreshRSS und Miniflux haben einen Reader-Kanon etabliert, Substack hat Atom-Feeds aktiviert, und die großen Plattformen liefern wieder maschinenlesbare Exporte. Eine Bestandsaufnahme.

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Vor acht Jahren stand RSS in fast jedem Tech-Blog im Nachruf. Google Reader war 2013 abgeschaltet, Feedly war zwischen Pivot und Akquisitions-Gerüchten festgefroren, und der Konsens war: Feeds sind ein Nerd-Format, das die Mehrheit nie wieder benutzt. Diesen Konsens trägt 2026 niemand mehr. Wer hinschaut, sieht die langsame Rückkehr — nicht als Hype-Welle, sondern als stille Wiedereinrichtung.

Die Reader-Landschaft hat sich stabilisiert

Drei Tools dominieren den deutschsprachigen Indie-Web-Bereich:

  • FreshRSS — selbstgehostet, PHP, läuft auf jedem Shared-Hoster. Die häufigste Wahl bei Leuten, die einen eigenen Server haben.
  • Miniflux — Go-Binary, minimales Interface, sehr schnell. Beliebt bei Terminal-Affinen.
  • NetNewsWire — der macOS/iOS-Client mit dem ausgereiftesten UX. Synchronisiert über iCloud, Feedbin, Inoreader.

Die Wahl ist keine technische, sondern eine ergonomische. Wer am Schreibtisch liest, nimmt FreshRSS oder Miniflux. Wer auf dem Pendelweg liest, nimmt NetNewsWire. Wer beides macht, kombiniert über Feedbin oder Inoreader als Sync-Layer.

Was sich konkret bewegt hat

Drei Beobachtungen aus den vergangenen zwölf Monaten:

  1. Substack hat Atom-Feeds als Default aktiviert. Jeder Substack-Newsletter ist seit Januar 2026 automatisch als RSS abrufbar — ohne dass der Autor etwas einstellt. Das hat den Indie-Web-Bridges (Bridgy, IFTTT) Tausende neue Quellen geöffnet.
  2. GitHub-Releases sind seit Ende 2025 wieder per Atom verfügbar. Die zwischenzeitlich versteckten /releases.atom-URLs sind in der UI sichtbar geworden. Wer Software-Updates per Feed verfolgen will, hat einen sauberen Weg zurück.
  3. Die DSGVO hat indirekt geholfen. Newsletter-Tools mit Tracking-Pixel verlieren in Europa Marktanteile. Atom-Feeds haben keine Pixel, kein Tracking, keine Cookies — die DSGVO-Konformität ist eingebaut.

Warum RSS nicht „zurückkommt”, sondern „wiedersichtbar wird”

Die Pointe: RSS war nie weg. Drei Viertel aller WordPress-Installationen liefern Feeds, Mastodon-Profile sind als Atom abrufbar, Hugo und Astro generieren feed.xml automatisch. Was 2013-2020 verschwunden war, war die Wahrnehmung — die UI-Buttons in Browsern, die Reader-Apps auf Smartphones, die Erwähnungen in Mainstream-Tutorials.

2026 sind die Reader-Apps zurück (NetNewsWire hat über 500.000 monatlich Aktive), die Browser-Erweiterungen funktionieren wieder zuverlässig (besonders „Feedbro” in Firefox und „RSS Subscription” in Chrome), und die Bridge-Tools wie webmention.io zeigen RSS-Kanten in jedem Indie-Web-Dashboard. Die Infrastruktur war da; die Aufmerksamkeit kehrt zurück.

Was als Nächstes sinnvoll wäre

Drei Wünsche an die Indie-Web-Community für die zweite Jahreshälfte:

  • Ein neuer Push für OPML-Sharing-Listen — kuratierte Feed-Sammlungen, die als ein Klick importierbar sind. Das würde neuen Lesern den Einstieg erleichtern.
  • Ein Reader-Plugin-Standard ähnlich wie Webmentions — sodass jedes RSS-Item Antworten/Kommentare über das Indie-Web-Backchannel führen kann.
  • Mehr Magazin-Format-Feeds: nicht nur Post-Listen, sondern strukturierte Heft-Feeds mit Inhaltsverzeichnis und Ressort-Tags. Daran arbeiten wir hier selbst.

Wer RSS 2026 noch nicht benutzt, lebt freiwillig in einem Feed-leeren Web. Wer den Aufwand einmal investiert — einen Reader installieren, dreißig Feeds importieren, zwei Wochen geduldig sein — bekommt dafür ein Lese-Erlebnis zurück, das die großen Plattformen seit Jahren systematisch zerlegt haben.


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